Wenn der pH entscheidet: Neue Einblicke in mRNA-Nanopartikel

Membranstruktur von Lipidnanopartikeln bei einem saurem pH-Wert von 5.
Membranstruktur von Lipidnanopartikeln bei einem saurem pH-Wert von 5.

Lipidnanopartikel (LNPs) sind winzige Fettpartikel, die in modernen mRNA-Impfstoffen als Transporthüllen dienen. Sie schützen die empfindliche mRNA und sorgen dafür, dass sie zuverlässig in die Zielzellen gelangt. Entscheidend für diese Funktion ist der pH-Wert: Je nach Umgebung – etwa im Blut oder im Inneren der Zelle – verändert sich die elektrische Ladung bestimmter Lipide in den Nanopartikeln und steuert so Aufnahme und Freisetzung der mRNA. FAU-Forschende konnten nun erstmals zeigen, wie diese pH-abhängigen Eigenschaften von der Zusammensetzung der Nanopartikel beeinflusst werden. Die Ergebnisse wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Small veröffentlicht.

Im Zentrum der Studie stehen sogenannte ionisierbare Aminolipide – spezielle Fettmoleküle, deren elektrische Ladung sich abhängig vom pH-Wert ändert. Diese Eigenschaft ist entscheidend dafür, dass LNPs ihre Fracht im richtigen Moment freisetzen können. Mithilfe von Moleküldynamik-Simulationen, die mit Unterstützung des Zentrums für Nationales Hochleistungsrechnen Erlangen (NHR@FAU) durchgeführt wurden, untersuchten die Forschenden systematisch, wie der pKₐ-Wert dieser Lipide von ihrer Umgebung abhängt. Der pKₐ-Wert beschreibt dabei den pH-Punkt, an dem ein Molekül seine elektrische Ladung ändert – und damit gewissermaßen den „Schaltpunkt“, bei dem die Lipide von ungeladen zu geladen wechseln.

Dabei zeigte sich ein überraschend starker Effekt: Die spezifische Lipidumgebung innerhalb der Nanopartikel verschiebt den pKₐ-Wert der Aminolipide um mehr als vier Einheiten gegenüber ihrem intrinsischen Wert. Diese Veränderung der Ladung geht mit einer ausgeprägten strukturellen Neuorganisation einher. Deprotonierte Aminolipide reichern sich bevorzugt im Inneren der LNPs an, während Cholesterin überwiegend die äußere Monolayer-Schale bildet. Die so entstehende Schalen-/Kern-Struktur stimmt gut mit experimentellen Streuungsdaten vergleichbarer Systeme überein. Bei leicht saurem pH wie in den Endosomen der Zelle werden die Aminolipide dagegen protoniert, dadurch löst sich die LNP-Struktur auf und die mRNA-Ladung wird freigegeben. Die Studie liefert damit erstmals eine molekulare Erklärung für die pH-abhängige Funktion von LNPs und schafft eine wichtige Grundlage für das rationale Design zukünftiger Formulierungen. Langfristig können die gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, sowohl ionisierbare Lipide als auch LNP-Zusammensetzungen gezielter zu entwickeln und die Effizienz von mRNA-Therapeutika weiter zu verbessern.

DOI: http://doi.org/10.1002/smll.202511381

 

 

Das Video zeigt die pH-abhängige Umorganisation der Membranstruktur bei einer Erhöhung des pH-Wertes von 5 (sauer, Zustand zu Beginn des Videos) auf pH 7 (neutral). Positiv geladene Aminolipide sind blau dargestellt, ungeladene Aminolipide gelb, Cholesterin grün.